Junge Frau liegt am Wasser an einem Felsstrand
Wasser, Wald, Natur. Der Aufenthalt in der Natur tut uns gut, sorgt für Entspannung, positive Gedanken und stärkt die Abwehrkräfte.

Dauerstress, Depression, Burn-out. Viele Menschen in unserer Gesellschaft fühlen sich emotional und körperlich verausgabt. Deswegen ist Selbstfürsorge wichtig, so die These von Diplom-Psychologin Ulrike Scheuermann. Sie ist die Basis für das Gleichgewicht von Körper und Geist. Denn das Ziel ist, ein gesundes Leben zu entwickeln – mit stabilem Selbstwert, innerer Stärke und Gelassenheit.

Ulrike Scheuermann erklärt, warum Selbstfürsorge so wichtig ist und wie man damit die eigene Lebensqualität und auch die seines Umfeldes verbessern kann.

Ulrike Scheuermann, Diplom-Psychologin © Die Hoffotografen

Medicom: Selfcare beziehungsweise Selbstfürsorge ist essenziell für ein gutes Leben, und dennoch leben die meisten Menschen im Glauben, dass es etwas ist, was man gar nicht tun darf.

Ulrike Scheuermann: Wir wissen alle, dass wir aufgefordert sind, etwas für uns selbst zu tun. Sport machen, sich gesund ernähren etc. Wenn man das aber richtig nennt, nennt man es wie in meinem Buch „Self Care – Du bist wertvoll“. Dann hört man jedoch oft: Das ist doch egoistisch, das gibt es doch schon genug in unserer Gesellschaft. In der Tat ist es aber so, dass diese Selbstfürsorge so wichtig ist, weil sie die Wurzel, die Basis für alles ist, was wir darauf aufbauen. Und, wie ich am Ende des Buches auch feststelle: Selfcare ist Worldcare. Wenn wir ein gutes Selbstmitgefühl haben, können wir wesentlich mitfühlender mit anderen und somit mit der ganzen Welt sein.

Medicom: Man hat auch nur dann die Kraft, die man benötigt, um für andere zu sorgen.

Ulrike Scheuerman: Viele Menschen, mit denen ich arbeite, sind zu sehr verausgabt. Und sie sind erschöpft, weil sie „zu gut“ für andere gesorgt haben und nicht für sich selbst, und dann geht irgendwann schlichtweg gar nichts mehr.

Abschalten: Nehme einen tiefen Atemzug und löse Dich von Deinen Gedanken und Emotionen

Medicom: Aber um wirklich Selbstfürsorge betreiben zu können, müssen manche erst einmal wieder lernen in den eigenen Körper hineinzuhören, ihm zuzuhören, weil man sich mittlerweile viel zu sehr nach außen orientiert und die Signale des Körpers nicht mehr versteht. Wie kann man zurückfinden?

Ulrike Scheuermann: Die eigene Körperweisheit wiederzuentdecken, ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir bekommen von außen viele Botschaften und Tipps zum Thema Bewegung, es gibt zahlreiche Apps und Ratgeber. Das ist auch gut so, es kann jedoch dazu führen, dass man die eigenen und sehr individuellen Botschaften des Körpers nicht mehr wahrnimmt. Man muss sich immer wieder auf den eigenen Körper besinnen und ein feines Körpergefühl entwickeln. Man kann den Körper als Kompass nutzen und danach reagieren. Wie zum Beispiel bei einer Überanstrengung.

Man muss sich immer wieder auf den eigenen Körper besinnen und ein feines Körpergefühl entwickeln. Man kann den Körper als Kompass nutzen und danach
reagieren. Wie zum Beispiel bei einer Überanstrengung.

Medicom: Ist da in der heutigen Zeit nicht noch ein Zwischenschritt nötig? Wir sind so sehr von äußeren Bildern geprägt, davon, wie unser Körper zu sein hat, dass wir jung, straff, schlank etc. sein müssen, sodass wir uns selbst im Wege stehen bezüglich unserer Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Somit haben wir keine Möglichkeit, unserem Körper wirklich zuzuhören.

Ulrike Scheuermann: Es ist wahrscheinlich tatsächlich so, dass man den Körper mit seinen Signalen erst dann respektieren kann, wenn man ihn liebt, wie er ist. Manchmal erlebe ich Menschen in meinen Seminaren, die gehen ganz aggressiv mit ihrem Körper um, fast wie in einem Kampf. Wenn das so ist, kann ein liebevolles, empathisches Wahrnehmen gar nicht stattfinden.

Medicom: Es fällt uns wesentlich leichter anzuerkennen, dass wir eine andere Augen- oder Haarfarbe oder Nasenlänge haben als andere. Aber bei der Figur hört die Selbstliebe und Toleranz auf. Es lebt sich besser ohne Spiegel und ohne Vergleich.

Ulrike Scheuermann: Ja und dennoch, es ist sehr schwierig, ohne Spiegel oder Vergleich zu leben. Man kann diesen Weg auch auf andere Weise üben, nämlich dadurch, dass man andere mit mehr Liebe und weniger kritisch und bewertend betrachtet.

Medicom: In Ihrem Buch taucht ein sehr wichtiger Begriff immer wieder auf. Was ist Emotion und welche Informationen können wir durch Emotionen erhalten?

Ulrike Scheuermann: Emotion ist ein sehr komplexes Thema. Häufig wird proklamiert, dass man seine Emotionen ausleben soll. Ich bin da eher zurückhaltend. Wenn man sich häufig in schwierigen Gefühlen, also psychischen, emotionalen Befindlichkeiten befindet wie Neid, Wut, Hass, Aggression, Trauer, kann das sehr belastend sein. Es geht hier darum, erst einmal für sich allein einen guten Umgang damit zu finden. Also nicht unbedingt gleich ausagieren, sondern erst einmal die Gefühle ausreifen lassen oder mit jemand anderem darüber reden, bevor man eine Beziehung belastet. Emotionen können sich ja auch sehr schnell, innerhalb weniger Stunden oder über Nacht, verändern und es stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein. Ich empfehle immer ein wenig zu warten, eventuell eine Nacht darüber zu schlafen, bevor man reagiert. Davon können Beziehungen auf jeden Fall profitieren.

Emotion ist ein sehr komplexes Thema. Emotionen können sich ja auch sehr schnell, innerhalb weniger Stunden oder über Nacht, verändern und es stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein.

Medicom: Sie stellen in Ihrem Buch ein sehr hilfreiches System namens Logosynthese vor.

Ulrike Scheuermann: Emotionen beziehungsweise Reaktionen folgen häufig Mustern, die sehr früh oder in der Kindheit entstanden sind, und man übernimmt das Muster von früher bei einem ähnlichen Auslöser. Logosynthese hilft mit sprachlichen Formulierungen diese Auslöser zu neutralisieren, was natürlich eine große Erleichterung ist. Denn man kann durch diese Methode sehr schnell Stresssymptome und Angstsymptome kontrollieren und eine Entspannung herbeiführen.

Medicom: Es sind oft negative Gedanken oder Gedankenkreisläufe und Stimmungen, die uns sehr belasten. Was kann da noch helfen uns zu befreien? Natur, Bewegung?

Ulrike Scheuermann: Auf jeden Fall, der Aufenthalt in der Natur und natürlich Bewegung sind äußerst hilfreich, wobei ich großen Wert darauf lege, dass jeder für sich selbst herausfinden sollte, was ihr oder ihm wirklich guttut. Am besten ist natürlich Bewegung, wo man schon ein wenig aus der Puste kommt, denn das bessert die Stimmung enorm und
man fühlt sich hinterher heller und fröhlicher.

Auch der Aufenthalt in der Natur, vor allem im Zusammenhang mit Wasser und Bäumen, wirkt sich stark positiv auf Gedanken und unser Immunsystem aus.

Die Natur erdet uns. Der Aufenthalt im Freien ist positiv für Körper und Geist.

Medicom: Sie schlagen in Ihrem Buch dafür Schreibsprints vor, also möglichst schnelles Aufschreiben von Gedanken, ohne innezuhalten, jeweils nur ein paar Minuten lang. Das gehört zu Ihrem „Schreibdenken“-Ansatz, bei dem man das Schreiben als Denk-, Lern- und Fühlwerkzeug nutzt.

Ulrike Scheuermann: Ja, ich empfehle, ein Selfcarejournal zu führen. Denn das Schreiben ist eine Begegnung mit sich selbst und dabei kommt man sehr gut in Kontakt mit sich selbst. Am besten wäre es, eine tägliche Routine zu entwickeln, eine Möglichkeit, sich täglich eine kleine Selfcarezeit zu nehmen und ein Gespräch mit sich selbst zu führen. Über das Aufschreiben hat man auch andere Effekte als nur über das Nachdenken, denn es ist sehr stark emotional entlastend und klärend, ja, therapeutisch. Eine enorm starke Übung ist hier auch aufzuschreiben, wofür man dankbar ist. Man fühlt sich sofort sehr erfüllt und beschenkt.

Medicom: Wie kann man sich denn auch in schwierigen Situationen diese Haltung der Dankbarkeit bewahren beziehungsweise die Herausforderung auch als eine Möglichkeit des Lernens sehen?

Ulrike Scheuermann: Das ist natürlich sehr schwierig, wenn man sich inmitten einer Krise befindet. Denn in der akuten Leidenssituation kann man so nicht denken. Eher erst, wenn man langsam an das Ende der Krise kommt oder schon einige Krisen hinter sich hat. Dann kann man sich auch fragen: Was habe ich durch diese Situation erfahren? Inwieweit bin ich jetzt anders als vorher? Wie ist meine Persönlichkeit gereift? Wenn man sich das am Ende fragen kann, dann hatte das, was passiert ist, zumindest in irgendeiner Weise einen Sinn. Das kann wiederum sehr tröstlich sein. Es gibt hier einen Spruch, den ich sehr mag und als hilfreich empfinde: „Wenn der Tag nicht dein Freund war, war er dein Lehrer.“

Medicom: In Ihrem Buch sprechen Sie von dem Zusammenhang zwischen Körper, Psyche und Essenz. Was meinen Sie
mit Essenz?

Ulrike Scheuermann: Ich glaube, wir spüren alle, dass wir mehr sind. Essenz ist etwas Größeres, als wir Menschen sind. Es ist nicht einfach, einen Zugang zu finden, der für alle passt. Für manche ist es das große Ganze, das Universum oder auch Gott oder das Göttliche. Ich würde es so ausdrücken, dass es etwas ist, das größer ist als wir, etwas, wo wir einen Sinn haben für das große Ganze, an das wir angebunden und mit dem wir verbunden sind. Und wo wir spüren und wissen, dass wir mit allen anderen Dingen und Lebewesen auf dieser Welt verbunden sind.

Medicom: Das ist wohl auch das, was man Sinn des Lebens nennt und uns bei der Suche unserer Lebensaufgabe hilft.

Ulrike Scheuermann: Ich erfahre das auch immer wieder in meinen Seminaren, dass die Menschen am glücklichsten sind, wenn sie ihre Aufgabe gefunden haben beziehungsweise mit ihrer besonderen Gabe andere und die Welt beschenken können. Dann können sie später auf ein glückliches und erfülltes Leben zurückblicken – und das ist schließlich
der größte Wunsch von uns allen.

Medicom: Vielen Dank für das Gespräch.

Buch- und Hörspielcover von „Self Care – Du bist wertvoll“ von Ulrike Scheuermann. Die Buchautorin und Diplom-Psychologin kobiniert moderne Ansätze aus Medizin, Psychologie und Spiritualität.

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