Resilienz stärken
Das soziale Netz ist neben Optimismus ein Faktor, um die Resilienz zu stärken. Weitere Mittel, um die psychische Widerstandskraft zu stärken, lesen Sie im Interview.

Durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine scheint es, als würden wir seit mehr als zwei Jahren im Krisen-Modus leben. Was macht das mit uns? Und vor allem: Wie gehen wir damit um? Wir haben bei Dr. Sarie Haisch nachgefragt! Hier kommen ihre Impulse für mehr Resilienz im Alltag.

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Zucker oder Cashewkerne? Was ist besser für unser geistiges Wohlbefinden? Dr. Haisch klärt auf.
Frau Dr. med. Sarie Ann Haisch erklärt, was Resilienz heißt und wie wir uns in herausfordernden Zeiten stärken können.

Zur Person:

Frau Dr. med. Sarie Ann Haisch ist niedergelassene Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Areion Kompetenzzentrum in Neu-Ulm mit dem Schwerpunkt der Behandlung von stressassoziierten Erkrankungen. Zuvor arbeitete sie in diversen stationären Einrichtungen, z.B. der Universitätsklinik Ulm, dem Sanatorium Kilchberg in der Schweiz sowie im Zentrum für Psychiatrie in Ravensburg. Zudem absolvierte sie am CIP München eine Ausbildung zum Business Coach. Neben ihrer therapeutischen Tätigkeit bietet sie Seminare und Workshops für Unternehmen an. Zu ihren Schwerpunktthemen gehören Burnout-Prävention, gesunde Mitarbeiterführung sowie Stärkung der Resilienz.


Von Krise zu Krise blieb in den letzten zwei Jahren nicht viel Zeit zum Durchatmen. Was das für jeden einzelnen bedeutet, ist sicherlich eine höchstpersönliche Frage. Wissenschaftlich belegbar sind die Ausmaße der vergangenen Jahre allerdings noch nicht in vollem Umfang. Erste Studien, Panelumfragen und Stimmungsbarometer liefern dennoch bereits alarmierende, erste Erkenntnisse: Corona hat den Deutschen nicht nur körperlich vieles abverlangt, sondern auch psychisch.

Eine Entwicklung, die auch Dr. Sarie Haisch bestätigen kann. Denn als Fachärztin für Psychosomatische Medizin ist sie in vielerlei Hinsicht die erste Anlaufstelle für ihre Patientinnen und Patienten. Medicom hat mit ihr über Resilienz und Ängste in Krisenzeiten gesprochen.


Medicom: Derzeit durchleben viele das Gefühl von Kontrollverlust, Angst und Verzweiflung. Nicht nur psychisch vorbelastete Menschen sind davon betroffen, sondern auch immer mehr Menschen, die sich sonst einer guten Resilienz erfreuen. Was passiert gerade auf psychischer Ebene mit uns? Gefühlt schlittern wir ja gerade von einer Krise in die nächste …

Dr. Sarie Haisch: Ja, das ist nicht nur gefühlt so. Tatsächlich gingen aktuell zwei Krisen nahtlos ineinander über – sprich: Die Menschen hatten kaum Zeit, sich von dem einen Kontrollverlust durch Corona hin zu dem anderen durch die Kriegssituation zu erholen. Das Stressnervensystem ist so gepolt, dass auf eine Aktivierungs- wieder eine Regenerationsphase folgt. Und das war im Laufe der letzten Jahre gar nicht mehr möglich. Hinzu kommt eine Hilflosigkeit: Viele hatten und haben das Gefühl, alldem ausgesetzt zu sein und nichts tun zu können. Das ist für die Psyche und das Stressnervensystem schwer auszuhalten. Besser können wir mit Situationen umgehen, die wir selbst herbeigeführt haben

In diesem Zusammenhang gefallen ist immer wieder das Stichwort Resilienz. Aber was heißt das eigentlich, resilient zu sein?

Resilienz heißt übersetzt: Psychische Widerstandskraft. Und die braucht man in diesen Zeiten ganz besonders. Ich beschreibe das gerne als „Hornhaut der Seele“: Denn wer eine gute Resilienz hat, hat ein geringeres Risiko in solchen Situationen krank zu werden. Was das Immunsystem für den Körper ist, ist Resilienz für die Seele.

Inwiefern unterscheidet sich das von der sogenannten „mentalen Stärke“?

Mental stark zu sein, ist ein Teil der Resilienz. Sie setzt sich insgesamt aus verschiedenen Aspekten zusammen.

Etwa 30 Prozent unserer individuellen Resilienz sind genetisch veranlagt.

Bevor wir zu allen einzelnen Aspekten kommen: Kann man es sich antrainieren, resilienter zu sein und zu werden?

Die erfreuliche Antwort ist: Ja, man kann es trainieren. Aber man muss sie eben teilweise auch trainieren. Etwa 30 Prozent unserer individuellen Resilienz sind genetisch veranlagt. Somit sind 70 Prozent durch Lernerfahrungen und durch Training bestimmt. Insbesondere die ersten Lebensjahre sind dabei entscheidend. Die Erfahrungen, die wir in dieser Lebensphase sammeln, bestimmen darüber, wie resilient wir später sind.  Dennoch gilt: Es ist ganz normal, in diesen Zeiten in eine psychische Belastung zu geraten. Das ist kein Anzeichen von Krankheit, von Bildern mitgenommen zu sein. Aber wenn man merkt, dass man gar nicht mehr aus dieser Gefühlslage herauskommt und sich über die letzten zwei Jahre eventuell in eine depressive Stimmung hineinmanövriert hat, sollte man das Thema angehen.

Menschen gehen sehr unterschiedlich mit all den negativen Ereignissen um. Welche Reaktionen sind ganz natürlich? Und bei welchen Reaktionen muss und sollte man wirklich aktiv werden?

Es kommt aber darauf an, in welche Lebensbereiche sich eine Krise überträgt. Meine Patienten kommen mit Krankheitssymptomen und schaffen es gar nicht mehr, den Fokus auf das Normalleben zu lenken. Alles dreht sich um Ängste, Corona, Krieg. Es fällt ihnen schwer, sich auf ihren Alltag zu konzentrieren. Es ist ein ausschlaggebender Punkt, ob du dich gedanklich zu 90 Prozent des Tages mit einem fremdkontrollierten Thema auseinandersetzt – oder ob du es nach ein paar Tagen schaffst, kontrollierbare Themen anzugehen. Ist der Fokus zu 80 Prozent auf dem Normalleben und 20 Prozent auf der Krise, ist es sicherlich keine krankhafte Thematik. Und dann kommt es natürlich sehr auf die Symptome an, die daraufhin entwickelt werden. Bei psychischen Belastungen sind diese sehr vielfältig: von Stresssymptomen wie Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Herzrasen, starke Kopfschmerzen, ein rebellierendes Magen-Darm-System, Freud- und Energielosigkeit. Hält das alles an, ist es vermutlich notwendig, sich Hilfe zu holen.

Für die Resilienz ist es entscheidend, sich in einer Gemeinschaft gebunden zu fühlen.

Wie haben sich die Ängste in den vergangenen Jahren verändert?

Das Fachgebiet hat sich ohnehin an großer Nachfrage erfreut – aber in den letzten Jahren hat es tatsächlich noch weiter zugenommen. Spannenderweise zieht sich der Bedarf durch alle Altersgruppen. Ich hatte eine Zeit, in der sich vor allem junge Studenten gemeldet haben. Für die Resilienz ist es entscheidend, sich in einer Gemeinschaft gebunden zu fühlen. Und das haben eben viele verloren oder beim Start in die neue Lebensphase gar nicht erst bekommen. Dazu zählten sicher auch alleinlebende ältere Menschen. Für sie gab es zu wenig Angebote. Und ausgerechnet sie sind jetzt in der aktuellen Krise doppelt betroffen. Sie kommen von einer Retraumatisierung in die nächste. Was die Art der Ängste angeht: Die haben sich im Laufe der Zeit enorm verändert. Die Angst vor Ansteckung war bei Corona eigentlich nur am Anfang groß. Konstant größer waren sicherlich die Ängste des Lebens. Denn Sicherheit, Kontrolle und Bindung sind Grundbedürfnisse des Menschen.

Ob es der Partner, die beste Freundin oder Verwandte sind: Wie geht man mit Menschen um, die mit Krisen schlechter klarkommen?

Meines Erachtens kommt es immer ein wenig darauf an, wie schwer derjenige wirklich belastet ist. Man muss sich trauen, denjenigen anzusprechen, nachzufragen, Sorgen zu teilen. Entweder derjenige steigt darauf ein oder blockt ab. Will man dann gemeinsam etwas tun und zusammen die Resilienz stärken, könnte das Thema Selbstwirksamkeit entscheidend sein: Sie gilt als ganz wichtiger Faktor für die Resilienz, denn darüber erhalten wir die Kontrolle über Lebensbereiche zurück. Die Frage „Was kann ich verändern?“ ist dabei richtungsweisend. Es kann zum Beispiel hilfreich sein, sich ein „privates Projekt“ vorzunehmen – vom Halbmarathon über den Kochkurs bis zur neuen Fremdsprache. Allein zehn Minuten täglich in dieses Projekt zu investieren, kann Perspektiven zurückgeben – ein Ziel.

Abschließend: Was können wir in wenigen, aber wichtigen Schritten tun, um trotzdem in unserer Mitte zu bleiben?

Resilienz ist, wie gesagt, vielschichtig und das besagte „private Projekt“ würde demnach den Bereich der Selbstwirksamkeit abdecken. Ein weiterer Bereich ist die Akzeptanz des Unveränderbaren. Nehmen wir das Wetter als Beispiel: Sich einen Schirm zu schnappen und trotz Regen spazieren zu gehen, wäre entsprechend resilienzstärkend. Der dritte Faktor ist Optimismus. Dabei geht es darum, das zu erkennen, was im Alltag auch gut ist, eben den Fokus auf die Haben-Seite zu richten.

Dann wäre da noch das soziale Netz: Es ist wichtig, sich wieder in eine Gruppe eingebunden zu fühlen, um Krisen zu überwinden. Gemeinsam. Und abschließend kommt es auf Ziele und Visionen an und damit auf das, was man aus der Krise mitnimmt. Ist man an einer Krise gewachsen? Kann man dadurch den Alltag wieder mehr wertschätzen? Wofür hat es sich gelohnt, diese Krise zu überwinden? Deutsche sind sehr problemfokussiert – und das macht natürlich etwas mit den Gefühlen. Kontrollverlust und Hilflosigkeit sind damit schnell erklärt. Aber wenn man es schafft, zu sagen „Ja, es ist nicht alles gut, aber vieles!“, ist schon eine ganze Menge gewonnen!


Hier geht es zu konkreten, praktischen Tipps der Expertin Dr. Haisch um die innere Widerstandskraft zu stärken.
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